Vorwort: Ich habe selbst jahrelang BDSM praktiziert und verurteile die Praktik nicht im geringsten. Es geht lediglich um ein tieferes Verständnis der menschlichen Natur und die Frage: Gibt es womöglich noch etwas Besseres da draußen?
Wenn Frauen unterbewusst als gefährlich oder herausfordernd wahrgenommen werden, hat BDSM bei Männern eine Funktion fürs Selbstbild. Das „emotionale Hoch“ entsteht, weil die Dominanz über die Frau von der Psyche als außergewöhnliche Leistung interpretiert wird. Und außergewöhnliche Leistung ist an Akzeptanz und Liebe der primären Bezugspersonen gekoppelt.
Zu gut Deutsch (aber aus psychoanalytisch-sprachlicher Sicht falsch) „pusht es das Ego“, wenn eine junge Frau möchte, dass ich sie auspeitsche. Aber nur, wenn ihre Unterwerfung ein Gefühl der Stärke in mir hervorruft. Und Unterwerfung erweckt nur ein Gefühl der Stärke, wenn ich die Person als ehemals mächtig empfunden habe. Nur jemand der Macht hat, kann sich unterwerfen – sonst bräuchte es den Akt der Unterwerfung nicht. Angesichts dessen, wofür die Buchstaben „D“ und „S“ in BDSM stehen, ist die Erklärung eigentlich überflüssig: Aber die sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich BDSM Praktiken bedienen, ist von Macht geprägt.

Der Mann will Macht ausüben, weil er die weibliche Sexualität als gefährlich empfindet (dahinter steckt die Gefahr der Ablehnung und Beschämung). Und die Frau möchte, dass der Mann Macht ausübt, weil sie ihre eigene Sexualität als gefährlich empfindet und keine Verantwortung für sie übernehmen möchte (dahinter steckt paradoxerweise häufig die empfundene Gefahr, dass Männer die Kontrolle über sich verlieren könnten, wenn sie ihre Sexualität offen zeigt. Die empfundene Gefahr der Beschämung ist wie bei Männern ebenfalls vorhanden).
Sowohl die Ausübung wie auch die Aufgabe von Macht erzeugt ein Gefühl der Sicherheit. Das Gefühl der Sicherheit erzeugt den parasympathischen Ruhezustand, der für sexuelle Erregung notwendig ist.
Hier ein konkretes Beispiel aus der Ich-Perspektive, ohne Fachjargon.
Ich als Mann stehe aufrecht mit einer Peitsche im Zimmer. Vor mir eine nackte Frau „auf allen Vieren“ mit verbundenen Augen. Was ist mein erster Impuls? Womöglich wäre es „ihr den Hintern zu versohlen.“
Jetzt dieselbe Situation, aber wie durch Magie ist die Zeit angehalten. Das heißt, ich kann mich frei bewegen, aber alle anderen Menschen sind erstarrt und reagieren nicht auf mich – wie im Film. Angenommen, ich habe in dieser Situation auch das Einverständnis der Frau (es ist ein Gedankenexperiment). Was ist nun mein erster Impuls?
Mein Impuls ist es, die Peitsche wegzulegen, und Geschlechtsverkehr zu haben. (Ich weiß, das liest sich komisch. Aber denkt dran, wir sind erwachsene Menschen, die gemeinsam ein schweres Thema erkunden. Und es ist wichtig, sprachlich genau zu bleiben, damit die Idee akkurat transportiert wird.)
Also wo liegt da jetzt der Unterschied? Oberflächlich könnte man sagen: Klar, das Auspeitschen soll der Frau gefallen. Deswegen praktizieren wir ja BDSM. Wenn die Frau durch das Anhalten der Zeit keine Lust verspürt, ist das Auspeitschen sinnlos.

Das wäre aber nur die ganze Wahrheit, würde ich mir als Mann während der angehaltenen Zeit einen Kaffee machen. Die Tatsache, dass ich in derselben Situation eigentlich Geschlechtsverkehr haben möchte, zeigt mir etwas anderes. Es zeigt, dass meine Lust unter einer anderen Sache begraben ist.
Jetzt könnte man argumentieren, dass es im BDSM nicht einfach um Geschlechtsverkehr geht, sondern um das Spiel. Aber gibt es wirklich ein Spiel, das befriedigender ist als Sex?
„Das Spiel erhöht die Lust“, könnte ein Argument sein. Und darauf wäre meine Antwort: Ich glaube, das tut es nicht. Ich denke, das Spiel ermöglicht die Lust erst. Es ermöglicht die Lust, weil Mann und Frau von ihren natürlichen Impulsen (Sex zu haben) durch Angst abgeschnitten sind.
Ich kann zwar nur in mich selbst hineinschauen und nicht in Frauen. Ich glaube aber, dass bei Frauen ein ganz ähnliches Programm abläuft. Ich glaube, dass die Frau in der beschriebenen Situation denselben, einfachen Sex sucht (wie gesagt, wir sind in einem Gedankenexperiment, in dem zwei Menschen sich voneinander angezogen fühlen und sexuellen Kontakt suchen), aber ihre eigene Lust noch begraben liegt. Und ihre Lust entfaltet sich erst, wenn ausreichend Macht ausgeübt wurde, die ihr signalisiert, dass sie keine Schuld oder Verantwortung für den Geschlechtsverkehr trägt.
Ich kann mich in die weibliche Sexualität verständlicherweise weniger gut einfühlen als in die männliche.
Es könnte auch damit zu tun haben, dass die gespielte Bestrafung beim BDSM an kindliche Bestrafung für sexuelle Reize erinnert. Viele Väter reagieren negativ auf die Pubertät ihrer Töchter. Dann könnte im Erwachsenenalter Erniedrigung oder gespielte Züchtigung neuronale Netze rund um emotionale Bindung aktivieren, was als angenehm empfunden wird.
Eine Freundin von mir sagte, viele Frauen fühlen sich früh von Gefühlen der Verantwortung erdrückt. Durch die Machtaufgabe beim BDSM entledigt sich die Frau dieser Gefühle. All diese Dinge können mit hinein spielen.

Trotzdem glaube ich, Folgendes sagen zu können:
Beim BDSM fühlt sich nicht der Schmerz gut an. Der Schmerz ermöglicht sexuelle Erregung, weil Schmerz der Beweis für Machtausübung ist. Die sexuelle Erregung fühlt sich gut an und ist das Ziel, nicht der Schmerz.
So wie beim Rauchen nicht der Rauch gut schmeckt. Das Nikotin im Rauch bringt Dopamin, und das Dopamin fühlt sich gut an. Rauch ohne Dopamin würde niemals „schmecken“. Es wäre nur Schmerz, ohne Belohnung.
Zurück zum Mann. Natürlich ist auch beim Mann sexuelle Erregung das Ziel, und nicht das Verursachen von Schmerz. Es ist die Machtausübung, die ihm signalisiert, dass es sicher ist, erregt zu sein. Denn während er Macht über andere hat, ist man vor ihren möglichen Beschämungen oder Ablehnungen sicher. Die Macht ist nur das Werkzeug. Das Gefühl der Sicherheit erlaubt die Entspannung und das produziert die Erregung.
Über die Zusatzfunktion des BDSM für das männliche Selbstbild wurde anfangs geschrieben. Beides hängt zusammen. Wenn die Sexualität der Frau unterbewusst als bedrohlich empfunden wird, erzeugt die Machtausübung ein Gefühl von bewundernswerter Leistung (so wie das Überwinden von Hürden Bewunderung erzeugt). Sobald diese entscheidende Wahrnehmung wegfällt (dass die weibliche Sexualität Gefahr bedeutet), fällt auch jede Wirkung der BDSM-Praktik weg.
Wäre die weibliche Sexualität für den Mann sicher, freudig und bereitwillig, wäre es nicht mehr bewundernswert oder erregend über sie zu herrschen. Die Erregung und zielgerichtete Geschlechtlichkeit würde automatisch stattfinden, wie in dem Szenario der angehaltenen Zeit. Denn um einen gesunden Mann zu erregen, muss eine Frau nur „da“ sein.
Als Randnotiz: Frauen werden eher davon erregt, wie ein Mann sich verhält. Wer er ist (also was er schon getan hat), was er sagt und wie er sich bewegt ist wichtig.
BDSM ist wie die Sexualität selbst sehr facettenreich. Es gibt auch Elemente des BDSM die durch diesen Artikel nicht adäquat erklärt werden. Dabei könnten noch diese Faktoren eine Rolle spielen:
- Es gibt tatsächlich einfach Menschen, die positive Emotionen spüren, wenn sie anderen Menschen schaden. BDSM kann ein vergleichsweise gesunder Ausdruck dieser Charaktereigenschaft sein.
- Der Körper schüttet bei Schmerzerfahrungen körpereigene Opioide aus, deren Wirkung als angenehm empfunden wird.
Der Mensch ist zu komplex, als dass man ihn mit simplistischen Modellen erklären kann, schreibt Theodore Rubin. Der Artikel erhebt keinen Anspruch auch Vollständigkeit und die Überlegungen mögen nicht auf alle Menschen zutreffen.