Vorwort: Der Artikel wurde 2024 geschrieben. Ich kann freudig berichten, dass ich den Sirenenruf seit etwa einem Jahr nicht mehr gehört habe (geschrieben März 2025).
Nach Dr. Alexander Lowen und anderen Psychologen (Pete Walker, Alice Miller uvm.) entstehen die meisten psychischen Störungen als Resultat unverarbeiteter Kindheitserlebnisse. Wie sehr sich das Individuum von den eigenen Gefühlen abspalten musste, um Konfliktsituationen zu überdauern, entscheidet über die Schwere der Störung – den Grad des Selbstverlustes.
In „Narzissmus, die Verleugnung des wahren Selbst“ beschreibt Alexander Lowen fünf Typen:
(0. der psychisch gesunde Mensch)
1. den phallisch-narzisstischen Charakter
2. den narzisstischen Charakter
3. die Borderline-Persönlichkeit
4. die psychopathische Persönlichkeit
5. die paranoide Persönlichkeit
Diese Einteilung ist keine heilige Wahrheit, sondern ein Modell. Alle Modelle sind falsch, manche sind nützlich. Außerdem sind diese fünf Typen als Spektrum zu betrachten. Den psychisch gesunden Menschen habe ich in Klammern selbst hinzugefügt, um die Nachvollziehbarkeit zu erleichtern. Das Spektrum reicht also von 0 = gesund bis 5 = schwerst krank.
Je schwerer die Störung = je höher der Grad des Selbstverlustes = desto höher
– der Grad von Narzissmus
– der Mangel an Gefühlen
– der Mangel an Selbstgefühl
– der Mangel an Realitätskontakt
– der Größenwahn
Für mehr Informationen empfehle ich das Buch. Ich halte die Vorstellung für sinnvoll, und sie deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung.
Lowen erzählt außerdem, dass er sich aufgrund von Konfliktsituationen im Familienleben zu einer phallisch-narzisstischen Persönlichkeit entwickelt hat. Durch seine Arbeit mit Wilhelm Reich erfuhr er Heilung, und seine persönlichen Erfahrungen halfen ihm später bei der Arbeit als Psychotherapeut.
Dieser Artikel dagegen entspringt einer Perspektive, die ihren Anfang als Borderliner hat. Die Diagnose stand in meiner Jugend bereits im Raum. Rückblickend war ich dem psychopathischen Charakter vermutlich näher als dem narzisstischen. Ich erinnere mich daran, regelmäßig Amokläufe in meiner Fantasie durchzuspielen und mir zu überlegen, wie man die größtmögliche Zahl von Menschen tötet. Es war mir über Jahre ein vollkommenes Rätsel, woher die Moralvorstellungen von Menschen kamen, die an keinen Gott glaubten. Warum mordeten die Menschen nicht nach belieben? Glücklicherweise bin ich nie straffällig geworden, oder habe Menschen geschadet.
Letztlich hat sich mein menschlicher Kern immer durchgesetzt. Im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte konnte ich mich dank Selbsthilfeliteratur, glücklichen Zufällen und viel Anstrengung der Gesundung nähern.
Falls jetzt Misstrauen mir gegenüber entsteht, weil im Allgemeinen gilt, dass Psychopathie unheilbar ist: Die Fünf-Typen-Einteilung ist als fließendes Spektrum zu betrachten. Ich war kein vollwertiger Psychopath, sondern nur nah dran. Außerdem ist die Psychopathie nach Lowen’s Vorstellung nicht unheilbar. Sie ist häufig keine genetische Krankheit, sondern die Abspaltung von Gefühlen. Zwar kann diese Abspaltung wegen ihrer Stärke durch Therapie oft nicht aufgehoben werden (daher die Auffassung der Unheilbarkeit), es könnte aber trotzdem zu einem Heilungsprozess kommen. Das würde ein Schlüsselerlebnis voraussetzen, durch das der Betroffene verdrängte Gefühle entdeckt. Dann müsste noch der Wille und die Möglichkeit zusammentreffen, mit diesen Gefühlen zu arbeiten. Da sich die meisten Psychopathen im Gefängnis, in Milieus, der Politik, oder an der Spitze von Konzernen aufhalten, ist das in der Realität unwahrscheinlich. Dort gibt es selten Kontakt zu Freunden, Büchern oder Psychologen, die Hilfe zu bieten. Diese Menschen leben „in ihrer eigenen Welt.“
Grund für diesen Artikel ist ein Phänomen, das mich die letzten Zeit begleitet. Vorausschicken muss ich an dieser Stelle eine Beschreibung meines derzeitigen Zustandes: Vor allem die Trauerarbeit und das Konzept der Selbstliebe hat mir zu viel Empathie verholfen. Die Echtheit dieser Gefühle bemesse ich daran, dass ich Freude daran habe, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfüllen, ohne mir eine Gegenleistung zu erhoffen. Diese Erfahrung steht im starken Kontrast zu meiner früheren Gefühlswelt. Damals war ich häufig motiviert Dinge für meine Mitmenschen zu tun, war danach aber enttäuscht, wenn ich im Gegenzug nichts bekam. Natürlich macht mich auch mein heutiger Zustand nicht selbstlos. Die meiste Zeit gehe ich meinen eigenen Interessen nach und erfülle meine eigenen Bedürfnisse. Doch ich bin effektiv darin, mit offener Kommunikation um das zu bitten, was ich brauche. Deswegen kann ich Spaß daran haben, gelegentlich Energie für andere Menschen aufzubringen, ohne dafür etwas einzufordern. Marshall Rosenberg würde sagen, man macht etwas aus Selbstvolligkeit, nicht aus Selbstlosigkeit (self-fullness vs. selflessness). Deswegen sehe ich mich dem gesunden menschlichen Grundzustand sehr nahe.
Trotzdem spüre ich gelegentlich das, was ich (mit einem Hauch Melodramatik) den Sirenenruf der Psychopathie nenne.
Wenn ich zum Beispiel durch Überlastungen des Alltags lange nicht zur Ruhe komme, will meine Psyche scheinbar auf alte Lösungsansätze zurückgreifen. Dann spielt sie mir vor, dass die Abspaltung aller Gefühle der richtige Weg ist, und fantasiert über eine Karriere als Auftragsmörder. Das sind keine vereinzelten Gedanken, sondern die vorübergehende Überzeugung, dass nur dieser Weg mir Sicherheit verschaffen kann. Dabei spielt die Macht über das Leben von Menschen eine entscheidende Rolle. Wie Alexander Lowen erklärt, steckt hinter jedem Machtstreben ein Bedürfnis nach Sicherheit. Macht ist ein Mittel um Demütigungen zu vermeiden. Hätte man es vielfach bewiesen kaltblütig töten zu können, wäre die Angst vor Demütigung im Alltag verschwunden. Man könnte jeder Situation gelassen entgegensehen und sich denken: „Wenn du es zu weit treibst Freundchen, liegst du nächste Woche unter der Erde.“
Die Vorstellung dieses Szenarios hat eine enorm beruhigende Wirkung auf mich. Sie zieht mich zurück in den Körper, und bringt mich in das Hier und Jetzt. Mit der Beruhigung verschwindet dann irgendwann auch das Vorhaben wieder, weil es letztlich von Stress ausgelöst wurde.
Die Sirenen rufen auch, wenn ein Erlebnis alte Wunden aufreißt. Gelegentlich steigt in mir eine derart überwältigende Wut auf, dass ich die (damals für das Leid verantwortliche) Bezugsperson töten will. Es ist keine blinde Wut, die sich auf Menschen oder Objekte in meiner Umgebung richtet. Vielmehr ist es die tiefe Überzeugung, dass ich nur Frieden finden werde, wenn dieser Mensch durch meine Hand (und auf grausame Weise) gestorben ist. Ähnliches haben mir schon mehrere Personen aus meinem Bekanntenkreis berichtet – es ist sicherlich nicht selten, man spricht nur nicht darüber.
Wenn der Gedanke einen bestimmten Menschen zu töten einen beruhigenden Effekt auf den Körper hat, dann weil in der Vergangenheit eine empfundene Gefahr von ihm ausging. Wenn diese Erlebnisse nicht verarbeitet wurden, lebt die Gefahr in der Psyche weiter. Das vorgestellte Töten der Person lässt nun die empfundene Gefahr verschwinden. Dann wird dem autonomen Nervensystem signalisiert: jetzt bist du sicher, entspann dich.
Wenn ich aber in der Realität einen Menschen töte, muss ich mich wieder von Gefühlen abspalten, oder sie verarbeiten. Die Vorstellung davon, dass es mir Sicherheit gibt, wird sich als Illusion herausstellen. Im Gegenteil: Wenn ich weiß, dass ich dazu fähig bin, fällt es leichter mir vorzustellen, wie viele Andere dazu fähig sind. Mein Gefühl der Sicherheit in der Welt würde sogar noch abnehmen.
Ein weiterer Faktor: Der gelegentlich auftauchende Wunsch zu töten entspringt also dem Bedürfnis der Beruhigung. Die Tat würde vollkommen hineinführen ins Hier und Jetzt. Danach wären keine Energie mehr notwendig, irgendetwas vorzuspielen. Alle inneren Stimmen, die mich warnen dies nicht zu sagen oder das nicht zu tun, weil ich sonst bestraft werde, wären still. Es wäre die ultimative Befreiung von allen Ängsten, der Welt oder Gott nicht zu gefallen – allein mit der Aussage: „Ja, ich bin ein Monster. Und jetzt?“
Soweit die Vorstellung. Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass eine Tat nicht zur dauerhaften Beruhigung des Nervensystems führen würde. Die tausend Erlebnisse, die sich über Jahrzehnte in der Psyche verwurzelt haben, bleiben trotzdem bestehen. Im physischen Sinne sogar, denn die neuronalen Netze und der Aktivitäten bleiben messbar vorhanden. Ein neues Erlebnis löscht die anderen nicht aus. Also würden diese Netze nach kurzer Beruhigung wieder aktiv werden, nur diesmal werden sie andere Gedanken auslösen. Man hat vielleicht keine Angst mehr davor als Monster gesehen zu werden. Vielleicht reaktivieren sich aber Ängste vor der Hölle, oder es bilden sich neue Ängste vor karmischer Bestrafung.