Vorwort: Ich war zwar nie süchtig nach pornografischem Material, aber seine Wirkung ist mir gut bekannt. Neben Zucker und Social Media ist es eines der letzten Elemente mit Suchtcharakter in meinem Leben gewesen. Es hat diesen Artikel inspiriert, weil die Erinnerung noch frisch ist.
Ich als Mensch suche stets nach Wohlbefinden und vermeide den Schmerz. Meine Ideale, Ideen und Charaktereigenschaften beeinflussen mein Verhalten, aber dieses Prinzip bleibt gültig.
Schmerz ist normal. Man kann sich den Fuß anstoßen, man kann aber auch unterschwelligen Schmerz erleben. Wenn meine Wohnung unaufgeräumt ist, ich Schulden habe oder einsam bin zum Beispiel. Dann ist die „normale“ Reaktion des Menschen, diesen Schmerz zu beseitigen. Denn die Beseitigung von Schmerz führt zu Wohlbefinden.
In der aktiven Sucht sieht die Psyche allerdings eine bessere Möglichkeit: Nämlich den aktuellen Schmerz auszublenden und auf die Momente des Wohlbefindens zu warten, die das Suchtmittel verspricht.
Die Sucht bildet neuronale Netze. Das sind die verschiedenen Straßen im Gehirn, die an unterschiedliche Orte führen. Ein Ort kann das Aufräumen der Wohnung sein, ein anderer Ort das Konsumieren der Droge. Diese Straßen sind unterschiedlich ausgebaut. Manche sind holprig und schlecht beleuchtet, andere gut asphaltiert. Während der Sucht baut das Gehirn eine Autobahn, die auf schnellstem Wege zum Suchtmittel führt.

Lange war ich mir nicht sicher, ob der Konsum von „Erwachsenenunterhaltung“ für mich eine Sucht ist. Denn ursprünglich sah ich keinen Schaden, den der Konsum mir zufügte (Sucht definiert sich immer über Schaden. Wir sind zum Beispiel nicht süchtig nach Wasser.) Das änderte sich aber, je mehr ich begann „in meinem Körper zu ruhen“. Das bezieht sich auf die leitende Idee des Dr. Alexander Lowen: „Du bist dein Körper!“
Für einen gesunden Menschen ist Folgendes unerlässlich: Die tiefe Verbindung zum eigenen Körper, die ungestörte Wahrnehmung seiner Signale und der Respekt vor seinen Bedürfnissen.
Druck im Kopf entsteht bei mir zum Beispiel, wenn ich über emotional herausfordernde Dinge nachdenke. Das können Katastrophenfantasien sein, in denen ich mir vorstelle, Opfer einer Gewalttat zu sein. Es können aber auch funktionale Gedanken sein, die mich auf eine wichtige Diskussion vorbereiten sollen. Dieser Druck ist real. Es ist kein Druck, den man in „bar“ messen kann. Dennoch ist die Empfindung real. Und wenn die Empfindung real ist, passiert etwas im Körper, das diese Empfindung auslöst. (Es gibt Ausnahmen, aber das ist die Regel.)
In diesem Falle liegt es an der Unterdrückung von Bewegungsimpulsen. Gedanken an Konfrontation schütten Stresshormone aus. Diese Hormone versetzen mich in Alarmbereitschaft und erhöhen die Energiebereitstellung. Bringe ich diese Energie nicht zum Ausdruck durch Bewegung oder verbale Artikulierung, wandert sie bei mir in den Kopf und „bleibt stecken“.
Wenn man eine schwierige Vergangenheit hatte, produziert die Psyche ständig emotionalisierende Gedanken (vgl. Pete Walker). Erkenne ich den Zusammenhang aber einmal, steuere ich automatisch dagegen. Ich beende die Gedankenspirale, bewege mich, wippe, schnippe, klatsche und/oder artikuliere laut. Des Weiteren kann ich gezielt innere Aufmerksamkeit auf meinen Kopf verlagern. Das bewusste Spüren des Druckes hilft dabei, ihn abzubauen.
Dafür ist aber die Grundhaltung nötig, die vorhin angesprochen wurde: Die tiefe Verbindung zum eigenen Körper, die ungestörte Wahrnehmung seiner Signale und der Respekt vor seinen Bedürfnissen. Und es ist der Wille nötig, dem Schmerz bewusst zu begegnen – ihn zu fühlen. Denn nur durch das Fühlen des Schmerzes entsteht der natürliche Körperausdruck, der ihn lindert.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen“, sagte Astrid Lindgren einmal.
Es sind genau diese Momente, in denen ich wichtige Signale vom Körper bekomme. Ein Leben geprägt von Sucht dagegen ist entweder abgelenkt oder auf der Suche nach Ablenkung. Es hat keinen Platz für bewusste Stille. Und das sind keine Worthülsen, sondern es entstehen dabei klare Wirkungsmechanismen. Denn die Sucht ist Ablenkung von Schmerz, und die Ablenkung von Schmerz allein führt zu neuem Schmerz.
Das, was den Schmerz ursprünglich ausgelöst hat, wirkt weiter. Was in unserem Leben Schmerz auslöst, sind zu 95 % beständige Dinge, oder sich wiederholende Dinge. Nur selten ist es der Tod eines Menschen oder der Verlust von Reichtum. Also muss ich mich dem Schmerz widmen, sonst wird er größer.
Einmal kann er „objektiv“ größer werden, im Falle von Schulden zum Beispiel. Jeder Tag, an dem ich nicht handle, verschlechtert meine Situation durch Zinsen und Fristen. Die Psyche nimmt das trotz Verdrängungsmechanismen wahr. Der Schmerz der Situation wird „objektiv“ größer. Dasselbe gilt bei Unordnung, Ungepflegtheit und Unsportlichkeit. Je länger ich die Situation ignoriere, desto größer wird der Schmerz, wenn ich mich der Situation stelle. (Und desto verlockender ist es, sich mithilfe von Suchtmitteln abzulenken.)
Außerdem kann er subjektiv größer werden, auch wenn sich in der realen Welt nichts verschlechtert. Denn auf einer tiefen Bewusstseinsebene verstehen wir sehr wohl, was passiert. Deswegen entwickeln sich subtile Gefühle der Schuld und Scham. Es ist die unterdrückte Einsicht, dass wir uns von dem Leben entfernen, das wir führen möchten. Wir entfremden uns von unserem Potenzial.
Um Weg von Erklärungsmodellen zu kommen, hier ein Beispiel von (für mich) beobachtbaren Tatsachen:
Während ich diesen Artikel schreibe, steigt in mir regelmäßig leichte Anspannung auf. Meine Psyche beschäftigt sich mit Gedanken der Ablehnung. Ich habe unterschwellig Angst, dass ich für einen unwissenschaftlichen Schwätzer gehalten werde. Alle dreißig Sekunden etwa, nehme ich die Hände von der Tastatur und balle die Fäuste. Ich wippe mit den Beinen, atme tief ein, kneife die Augen zusammen und fühle die Anspannung unter meiner Kopfhaut. Ich verarbeite diese Anspannung damit nicht komplett, aber ich reguliere sie auf ein erträgliches Level. Wenn sie größer wird, stehe ich kurz auf und mache eine Pause.
Ich will den Artikel zwar schreiben, aber hauptsächlich will ich ihn fertig haben. Ich bin motiviert ihn zu schreiben, aber nicht süchtig danach. Diesen Satz zu schreiben, gibt mir keine intensiven Glücksgefühle. Deswegen ist es für mich nicht wichtig, ob ich ihn jetzt oder später schreibe.
Jetzt der Kontrast. Wenn ich Erwachsenenfilme konsumiere, fährt ein riesiges Maß an Erregung in mich hinein. Viel mehr Erregung, als durch die Bewegung der Selbstbefriedigung und den Orgasmus abgebaut werden kann. Warum ist das wichtig?
Beim echten Sex erregt mich der Anblick einer nackten Frau stark. Gleichzeitig aber ist die Penetration die einzige Möglichkeit die Erregung weiter zu steigern. In dieser Situation braucht es die Bewegungskraft des ganzen Körpers. Dem Grad der Erregung steht also ein ähnlich großer Grad der Anstrengung gegenüber. Das heißt, dadurch baut sich im Körper keine Anspannung auf. Denn die durch Erregung zur Verfügung gestellte Energie wird durch Anstrengung der Muskeln wieder abgebaut.

Beim Konsum pornografischen Materials ist das anders. Auch hier ist die Erregung beim Anblick einer nackten Frau enorm, doch sie lässt sich auch leicht steigern. Durch einen einzigen Klick sehe ich andere Menschen, neue Situationen, noch extremere Praktiken. Gleichzeitig führe ich kaum Energie durch Muskelkraft ab, weil die Tätigkeit nur minimale Bewegung erfordert.
Hier muss man bedenken: Wenn ich beim regulären Sex mit Partnerin zum Orgasmus kommen will, brauche ich wirklich viel Energie. Die Bewegungsintensität kurz vor dem Höhepunkt gleicht einem Zielsprint. Danach bin ich außer Atem und ein Muskelkater am nächsten Tag ist keine Seltenheit.
Dieses Level der Anstrengung hat die Natur vorgesehen. Nur wer diese Anstrengung auf sich nimmt, bekommt die entsprechende Erregung. Bei der Pornografie haben wir die Erregung in Manier eine synthetischen Droge – „in Reinform“. Das heißt, ganz ohne die Restriktionen der Natur.
Die Zuckerrübe und das Kokablatt waren nie ein Problem für den Menschen, bis man ihre Inhaltstoffe extrahiert hat. Jetzt kann man sie konzentriert und in unbegrenzter Menge konsumieren. Das Resultat ist bekanntermaßen katastrophal.
Im Falle der Erwachsenenunterhaltung habe ich folgende Dynamik beobachtet:
Wenn ich lange keine Online Erotik konsumiert habe, ist ein Orgasmus schnell zu erreichen. Aber nur wenn ich mir vornehme, „nicht zu stöbern“ sondern das Ziel geradlinig zu verfolgen. Schon normale Filme, die vaginalen Sex zeigen, entfachen eine riesige Erregung. Auf diese Erregung muss dann sofort mit entsprechend schnellen Bewegungen reagiert werden. Der Orgasmus kann dann innerhalb von ein oder zwei Minuten erreicht werden. Aber es ist eben wichtig, den Körper gut zu spüren und sich leiten zu lassen. Denn es gibt Impulse, die weiterklicken wollen. Das führt aber zu unnötig hoher Erregung, die für den Orgasmus gar nicht notwendig ist. Bei diesem „ersten Mal“ seit längerer Zeit kann ich häufig noch die gesamte Erregung abführen und unter anderem mit Stöhnen übersetzen bzw. ausleiten. (In diesem Video gehe ich näher darauf ein, warum das nötig ist für einen vollständigen Orgasmus: Externer YouTube Link)
Im Resultat hatte ich nun einen vollständigen und gesunden Orgasmus. Auch für mein Gefühl der Würde ist der Akt akzeptabel, wenn das Filmmaterial ethisch produziert wurde.
Das Problem beginnt einen Tag später. Beim Orgasmus ohne pornografisches Material, bin ich in der Regel zwei Tage befriedigt. Das heißt, ich spüre keinen Druck, den ich loswerden möchte. Meistens erregt mich erst ab dem dritten Tag irgendetwas, das mich wieder auf die Idee bringt.
Habe ich aber Material konsumiert, will meine Psyche das Erlebnis schneller wiederholen. Und weil das Erlebnis beim ersten Mal so positiv war, gebe ich nach.
Hier passiert allerdings noch etwas Anderes. Wahrscheinlich ist es nämlich so, dass ich in diesem Moment einen kleinen Schmerz verspüre. Vielleicht weil ich eine wichtige Aufgabe vor mir her schiebe. Vielleicht weil ich einfach zu wenig Wasser getrunken habe. Und statt mir jetzt einen Moment der Stille zu nehmen, um das Signal zu deuten, entscheide ich mich für Stimulation.
Der entscheidende Unterschied zu gestern ist jetzt die Motivation. Unterbewusst will ich keinen Orgasmus, sondern Ablenkung. Weil ich Ablenkung will, zögere ich den Orgasmus hinaus und steigere die Stimulation durch Klicks. Jetzt fährt dermaßen viel Erregung in meinen Körper, die ich nicht mehr adäquat mit Stöhnen übersetzen oder ausleiten kann. Zwar habe ich schlussendlich einen Orgasmus, aber eine Menge Erregung bleibt trotzdem im Körper stecken. Noch dazu habe ich mir Material angeschaut, das ich nicht mit einem würdevollen Selbstbild vereinbaren kann.
Jetzt ist der Grundstein für eine Sucht gelegt. Denn die steckengebliebene Erregung und subtile Scham äußert sich als Schmerz. Besonders, weil wir zivilisierten Menschen die instinktiven Versuche des Körpers Erregung loszuwerden, unterdrücken (schütteln, tanzen, zittern, schlagen, springen, schreien). Den Schmerz kann man auch als inneren Druck bezeichnen. Unruhe, Leere, Anxiety, Gedankenrasen – viele Worte und Symptome weisen auf dieselbe Ursache hin.
Ich als Mensch reagiere auf diesen Schmerz mit Versuchen der Ablenkung – Dissoziation oder Entfremdung vom Körper könnte man auch sagen. Das heißt, jetzt nehme ich die Signale meines Körpers schlechter wahr. Wenn mein Bewusstsein mir sagt: „Spüre rein in den Schmerz, damit du wieder Wohlbefinden spürst“ sagt mein Unterbewusstsein „Warte noch auf den nächsten Orgasmus. Der gibt dir auch Wohlbefinden!“
Im Resultat vermeide ich es, mich zu spüren und lebe mein Leben auf Autopilot, bis zum nächsten Orgasmus.
Trotz meines Wissens über diese Dynamiken der Sucht kann ich es nicht ändern. Ich kann die Kraft nicht aufbringen, den Schmerz zu spüren und danach wieder Material zu konsumieren. Meine Lösung ist jedes Mal dieselbe: Ich zwinge mich, es mit dem Material zu übertreiben und dann komplett aufzuhören.
Denn erst wenn ich meiner Psyche klar gemacht habe: „Dieses Material schaust du dir nicht wieder an!“ bin ich bereit den Schmerz zu spüren und Stille zuzulassen. Dann kann ich wieder „zu mir kommen“.
Jede Sucht wirkt anders. Aber eine grundlegende Gemeinsamkeit ist, dass man sich vom Körper entfremdet. Diese Entfremdung hat einen Preis, der Schmerz verursacht. Und dieser Schmerz ist der Grund, warum ein weiterer Griff zum Suchtmittel so verlockend ist.