Offener Brief an meine Mutter

Mutter,

du fragtest einmal, ob ich meine Floskeln vom „dich lieb haben“ ernst meine. Interessant, dass dich das rumtreibt. Ich hatte seitdem viel Zeit zum Nachdenken und habe festgestellt: Nein, ich liebe dich nicht. Genauer gesagt hasse ich dich so sehr, dass es gar keinen Ausdruck dafür gibt. Und das liegt nicht an dem, was früher war, sondern daran, was heute noch ist.

Ich könnte dir vergeben, was du alles getan und unterlassen hast. Ich könnte noch verstehen, wie überfordert eine junge Frau in dieser Zeit gewesen sein muss, wenn sie selbst nichts kannte als Ablehnung und Kummer. Ich könnte dir alles verzeihen, wenn nicht bis heute jeder tote Stein interessanter für dich wäre als die Frage, warum dich deine eigene Familie nicht mag.

Noch mehr als dich hasse ich mich manchmal selbst dafür, wie schnell ich dir das alles verzeihen würde. Im Handumdrehen mit einem Anruf wahrscheinlich, wenn ich spüren würde, dass du wirklich verstehst, was du getan hast. So sehr wünsche ich mir bis heute eine Mutter, bei der ich nur ein einziges Mal weinen könnte, ohne dafür verlacht zu werden. Aber du wirst es nie verstehen. Weil du zu tief versunken bist in der Unmenschlichkeit, aus der deine eigene Kindheit bestand.

Vielleicht war der Schmerz auch einfach zu groß, und kein Mensch auf dieser Erde könnte ihn jemals überwinden. Vielleicht bleibt dir nur die ewige Abspaltung von deinen Gefühlen bis zum Tod. Ich weiß es nicht. Ich bringe es seit 20 Jahren nicht übers Herz, zu sagen was ich fühle. Weil ich Angst habe, dir Unrecht zu tun. Aber das ist es, was schon immer mein Leben beherrscht hat. Die Angst. Mittlerweile weiß ich, sie ist weniger vor dem Unrecht als vor dir. Ich habe entsetzliche, entsetzliche Angst vor dir.

Betrunken in jungen Jahren habe ich mal vermuten lassen, was ich wirklich empfinde. Aber sowas ist schnell vergessen und nüchtern reden wir nicht über Gefühle. Da ist ja immer noch die Enterbung, mit der du so gerne drohst. Auch wenn ich mich dafür nicht sonderlich respektiere, so war das doch immer ein Grund, warum ich Anstand gewahrt habe. Das ist es schließlich, was für dich über allem steht. Der Anstand. Ein unglückliches Kind kann man ertragen, sogar ein totes Kind. Aber kein unanständiges. Das wirft ein schlechtes Licht auf die Eltern, die sich dann fragen müssten, was sie in ihrem Leben überhaupt geschafft haben.

Doch heute möchte ich dir genau sagen, wie abgrundtief ich dich hasse. Damit es nie wieder Missverständnisse gibt.

Ich hasse dich so sehr, dass ich meine Ähnlichkeiten mit dir nicht einmal ertrage, wenn sie mir nützlich wären. Dass jeder Aspekt meines Lebens so gestaltet ist, frei von Menschen zu werden, deren Ton mich an deine ewig verächtlichen, existenzzermürbenden Zurechtweisungen erinnert. Dass ich lieber die Obdachlosigkeit riskiere, als einen gutbezahlten Job zu akzeptieren, weil jede Form der Autorität über mich die Hölle in mir wachruft, die meine Kindheit war. Und dass es auf meinen unerträglich schreckhaften und adrenalinzerschossenen Körper wie eine Beruhigungstablette wirkt, wenn ich mir bildhaft deinen gewaltsamen Tod vorstelle.

Das ist keine poetische Formulierung, um Gefühle zu auszudrücken. Mein Nervensystem beruhigt sich wirklich messbar, wenn ich mir vorstelle, dir in den Kopf zu schießen oder dich mit einem stumpfen Gegenstand zu erschlagen. So überwältigend und gefährlich ist das Abbild von dir in meine Psyche eingebrannt, dass mein Unterbewusstsein glaubt, sich erst entspannen zu können, wenn du tot bist.

Was glaubst du muss man einem Menschen angetan haben, dass er im Kern seiner Zellen so reagiert?

Ich will auch, dass du weißt, dass ich dich sehen kann. Ich sehe dich vor mir, wie du diesen Brief liest, und die Mundwinkel hochziehst. Weil du es magst, wenn ich mich beschwere und verzweifle. Wenn ich schwach und „undankbar“ bin. Wenn ich mich „lächerlich mache“ und man drauf zeigen kann, zu sagen: „Seht, so etwas würde nur jemand erzählen, der im Kern unzulänglich und krank ist!“ Vielleicht gestehst du es dir selbst nicht ein, aber ich weiß es mittlerweile.

Als Kind habe ich nicht verstanden, warum es dir wichtig genug war, mich wegen belangloser Etiketten zu quälen, es aber immer egal war, wenn ich meine Gesundheit aufs Spiel setzte. Warum du mich Sachen hast fressen lassen, bis ich kotzte „damit ich lerne, was ich will“. Warum du dich über meine Stimme, meine Tränen und meine Sexualität lustig gemacht hast. Warum du grinsen musstest, wenn ich aus Verzweiflung aus dem Haus rannte, um in zwielichten Gaststätten Frieden zu suchen. Oder warum es sich schlecht anfühlte, wenn du sagtest: „Sei froh, dass ich die Polizei nicht gerufen habe“ nachdem ich kopfüber durch eine Glastür stürzte, die du mich anschließend noch hast zahlen lassen. Grausamkeit ist eine Sache. Aber Kindern die Rechtmäßigkeit ihrer Gefühle zu nehmen, in dem man ihnen erzählt, sie hätten es gut hier, ist das Allerletzte.

Heute weiß ich, dass es nicht darum ging mich zu erziehen. Es ging darum jemanden zu haben, über den du Macht ausüben kannst. Wie der armselige Bully im amerikanischen Film hast du das, was man dir angetan hat, wieder an einem Schwächeren ausgelassen. Am Anfang wolltest du Kinder, um dir ein Selbstbild als perfekte Mutter aufzubauen. Als das nicht klappte, weil Kinder keine Ausmalbücher sind, hast du die nächstbeste Sache genommen: einen emotionalen Boxsack. Einen kleinen, wehrlosen Boxsack, an dem du deine mörderische Wut auslassen konntest. Einen, der dich trotzdem noch tröstete, wenn einmal die Trauer in dir durchbrach und du alleine am Esstisch weintest. Weißt du wie viel Angst ich vor dir hatte, wenn du da heulend saßt? Ich wusste, dass wenn ich jetzt gehe, mit noch mehr Verachtung und Terror bestraft werde, dafür dass ich so gefühlskalt bin. Ich musste aber auch damit rechnen, wieder angeschrien und abgestoßen zu werden, wenn ich auf dich zugehe. Letztlich musste ich hin und dich trösten, weil du mir daraus den dünneren Strick drehen würdest. Ich habe es aus Angst gemacht. Einfach nur aus Angst. Ich wäre damals schon lieber gegangen. Aber wo will man hin als Kind?

Wenn ich aber einsehe, dass du vielleicht selbst zu viel ertragen musstest, als dass man es überwinden könnte, warum tue ich dir das an? Warum muss ich dich jetzt so verletzen und dir das alles sagen? Die Frage stelle ich mir auch, obwohl es die falsche Frage ist. Ich habe jedes Recht dich zu verletzen, wenn „dich verletzen“ heißt, dir einfach die Wahrheit zu sagen. Doch könnte ich deine Gefühle nicht auch schonen, wo du doch schon alt wirst?

Vielleicht. Aber hast du meine jemals geschont? Und wem kann man sie eher zumuten, einem hilflosen Kind oder einer erwachsenen Frau? Außerdem glaube ich, – sollten wir jemals noch reden nach diesem Brief – bessere Chancen auf Respekt zu haben, wenn ich es ausspreche. Für Liebe ist es lange zu spät, aber Respekt bekommen von dir auch nur Menschen, die dich genauso verachten, wie du dich selbst.

Dass ich diesen Brief nun öffentlich mache, zwei Jahre nachdem ich ihn geschrieben habe, ist keine leichte Entscheidung. Doch schlussendlich bleibt mir keine Wahl. Ich will, dass dem Kind von damals Gerechtigkeit widerfährt. Ich will, dass seine Stimme gehört wird.

Schreibe ich den Brief nur dir, wird die Stimme unter Rechtfertigungen, Leugnungen und Anschuldigungen begraben. Vielleicht wird sie erstickt in einer halbherzigen Entschuldigung.

Wenn ich diesen Brief aber der Welt zeige, wird es genug Menschen geben, die das Kind verstehen. Die – ganz ohne sich deine Seite der Geschichte anzuhören – verstehen, dass hier etwas passiert ist, das nicht hätte passieren sollen.

Errinerst du dich an das Credo der Familie: „Wer nicht hören will, muss fühlen“?

Wer die Seele eines Kindes über Jahre so sadistisch zugrunde richtet und es dann noch schafft, die offensichtlichen Konsequenzen zu leugnen, der muss vielleicht auch einfach damit rechnen, dass sich das irgendwann nicht mehr gut anfühlt. In diesem Sinne tut es mir nicht leid, aber ich hoffe, dass du noch einmal eine Therapeutin findest, die dir hilft, deine eigene Vergangenheit zu bewältigen. Ich wünsche es dir, weil ich es jedem Menschen wünsche. Aber nicht, weil du meine Mutter bist. Du hast mich zur Welt gebracht, du hast mich ernährt und mich mit materiellen Dingen beschenkt. Aber eine Mutter warst du mir nie.

Michael

Nachwort: Dieser Brief ist kein seelischer Ist-Zustand. Er ist ein Gefühlsausdruck entstanden im Jahr 2024. Die Veröffentlichung ist eine Entscheidung aus dem Jahr 2026. Er bedeutet nicht, dass ich meine Mutter immer und nur hasse. Ich habe ebenfalls schon Gefühle der Vergebung gespürt – wenn auch kurzanhaltende. Sollte meine Mutter ihn jemals lesen und mir verzeihen, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, kann ich es ihr womöglich verzeihen, wie sie mit ihren umgegangen ist.

Ein Kommentar von vielen als Reaktion auf diesen Brief (Quelle: TikTok)