Zusammenfassung:
Wenn erwachsene Menschen überlastenden Stress erleben, können sie dem entgegenwirken durch Alkohol trinken, Sex haben, Sport machen oder Beruhigungsmittel schlucken. Kindern stehen diese Strategien nicht zur Verfügung. Wenn Kinder Gefühle erleben, die sie nicht bewältigen können, spalten sie sich ein Stück weit von ihnen ab. Da die Gefühle im Körper gespürt werden, vermeiden sie eine Identifikation mit ihm und lenken ihre Aufmerksamkeit in den Kopf und die Umgebung. Diese Abspaltung von Körper und Gefühlen bleibt bei wiederholten Erlebnissen bis ins Erwachsenenalter.
Weil bei mir Erziehung und Kultur für Schamgefühle gegenüber der eigenen Sexualität gesorgt hat, hat das die Grundsteine für eine Geschlechts-Identitätskrise gelegt. Als heterosexueller Mann hat deswegen die Feminisierung meines Körpers positive Gefühle ausgelöst. Einerseits, weil mein Bewusstsein auf einer Ebene nicht korrekt zwischen meinem eigenen und fremden Körpern unterschieden hat. Andererseits, weil die neue Identität unbelastet erlebt werden konnte, während viele negative Gefühle mit „dem alten Körper“ verbunden waren. Das Erleben dieser positiven Gefühle führte dazu, dass ich mir ein Leben im anderen Geschlecht wünschte.
Die Anfänge
Mit 35 Jahren blickte ich auf eine lebenslange Leidensgeschichte geprägt von Sucht, Angststörungen und Depressionen zurück. Ich schaute gerade die Serie „Twin Peaks“, in der David Duchovny als CIA-Agent in Frauenkleidung auftritt. Auf die Frage nach den Gründen antwortet der fiktive Charakter: „It relaxes me.“
Außer Methamphetaminen habe ich in meinem Leben schon alle gängigen Drogen probiert. Ich wurde mit Benzodiazepinen, Antidepressiva und Neuroleptika behandelt. Ich habe es mit Therapie, Meditation, Atemübungen und Sport probiert. Vor einem knappen Jahr hatte ich einen Selbstmordversuch begangen, weil mich meine Alkoholabhängigkeit vollkommen zerfraß. Auf Sozialhilfe angewiesen saß ich allein in meiner Wohnung und hatte nichts, was gegen meine innere Unruhe half. Wenn es also auch nur die geringste Chance gab, dass es mich entspannen würde Frauenkleidung zu tragen, würde ich es ausprobieren. Und noch am selben Tag ging ich in einen Second Hand Laden und erzählte der Besitzerin, ich bräuchte ein Kleid für eine Theaterprobe.
Was dann folgte, war ein gutes Jahr, in dem ich mehr und mehr zur Überzeugung kam, eine Frau gefangen im Körper eines Mannes zu sein. Alles deutete darauf hin. Denn tatsächlich entspannte mich die Frauenkleidung nicht nur, sie sorgte für ein ganz neues Lebensgefühl. Ein Lebensgefühl voller Optimismus, Leichtigkeit und Neugier.
Die praktischen Herausforderungen waren enorm. Schminken ist nicht einfach. Frauenkleider sind nicht für Männer gemacht. Und ohne Geld für eine Laserbehandlung entfernte ich meinen Bart mit Heißwachs (eine äußerst schmerzhafte Erfahrung, die ich nicht empfehlen kann). Trotzdem hatte ich endlich Hoffnung auf ein erfülltes Leben, denn schlussendlich war der Ursprung meines Leidens identifiziert.
Doch wie viele in der Trans-Community hatte ich auch Zweifel. Die positiven Effekte der Wandlung waren nicht von der Hand zu weisen. Doch die Aussicht auf irreversible Eingriffe in den Körper, das Stigma in manchen Teilen der Gesellschaft, und auch die eigene Vergangenheit machten es schwer, sich sicher zu sein. Ich zum Beispiel hatte mir zu keinem Zeitpunkt meines Lebens gewünscht eine Frau zu sein. Zwar spielte ich in Computerspielen oft weibliche Rollen und fand es als Teenager aufregend mir für das Rennradfahren die Beine zu rasieren. Aber der explizite Wunsch nach Weiblichkeit war nie dagewesen.
Das Einzige, was passte, war dass ich in einer kurzen Phase meiner Pubertät mein Geschlechtsteil loswerden wollte. Ich war damals mit meiner Sexualität so überfordert, dass ich im Internet nach Methoden recherchierte, wie man sich ohne ärztliche Hilfe den Penis entfernt. Dafür gab es tatsächlich auch vor 20 Jahren schon Internet-Diskussionen. Doch damals existierte hauptsächlich der Wunsch ein Eunuch zu sein, oder asexuell zu werden. Mein Sexualtrieb war so stark und meine Schüchternheit noch stärker, dass es mich verrückt machte, dieses Ding zu haben. Das durchschaute ich natürlich nicht, sondern wollte nur die überwältigenden Gefühle nicht spüren, die sich um meine Sexualität bildeten. Ich drängte mich irgendwann mit Alkohol zu Erfahrungen mit Frauen, deswegen geriet diese Phase meines Lebens in Vergessenheit.
Autogynophilie
Zurück zu meinem 35-jährigen Ich. Nach etwa einem Jahr in der Trans-Community hörte ich von dem Konzept der Autogynophilie (AGP). Nach Wiki-Quote ist das die „paraphile Neigung eines Mannes, sexuelle Erregung durch die Vorstellung von sich selbst als Frau zu erlangen.“ Über das Thema wird wenig in der LGBQT+ Community gesprochen. Man fürchtet, dass die breite Gesellschaft transidenten Menschen die Existenzberechtigung absprechen könnte. Würde die Auffassung existieren, dass es Transfrauen nicht um eine Identität geht, sondern um einen Fetisch, könnte viel Schaden entstehen. Diese Ansicht kann ich gut verstehen. Dennoch würde das Wissen um dieses Konzept wichtig für mich werden.
Zuerst dachte ich nicht, dass ich etwas mit Autogynophilie (AGP) zu tun hatte. Ich fühlte mich nicht erregt in Frauenkleidung. Doch irgendwann bekam ich Zweifel. Ich erinnerte mich daran zurück, dass ich beim Probieren des allerersten Kleides sehr wohl leichte Erregung spürte. Damals erklärte ich es mir mit der Entspannung, die ich erfuhr. Wie viele Männer bestätigen können, ergibt sich Erregung oft in Phasen der Entspannung. Zum Beispiel beim Yoga, einem Mittagsschlaf, oder einer Massage. Doch ich bemerkte auch, dass Erregung stattfand, wenn die Kleidung recht freizügig war – also Sachen, die Frauen nicht im Büro tragen würden. Oder aber, wenn ich eine Weile keine feminine Kleidung getragen hatte. Das hieß, ich war sehr wohl milde erregt, wenn der Stimulus entweder stark, neu oder nach längerer Abwesenheit wieder zurück war. So unangenehm es mir auch wurde, musste ich schlussfolgern, dass ich wahrscheinlich AGP hatte. Zu dieser Annahme passten auch meine Fantasien, wenn ich sie kritisch analysierte.
Dass es schwer zu erkennen war, ist im Nachhinein gut zu erklären. Mit 35 Jahren habe ich über zwei Jahrzehnte lang Pornografie konsumiert. Ich hatte in meinem Leben außerdem überdurchschnittlich viele Sexpartner und etliche Beziehungen, die kaum Tabus kannten. Das heißt, Erregung durch eine Fantasie oder ein Kleidungsstück, war längst nicht mehr so stark wie sie bei sexuell Unerfahrenen wäre. Anfang 20-Jährige, die ich aus der Trans-Community kenne, berichteten dagegen von „sichtbarer“ Erregung beim bloßen Gedanken an das Tragen femininer Kleidung. Dass ich AGP hatte, schloss das Trans-Sein für mich aber nicht aus. Es stimmte mich lediglich nachdenklich.
Trauma
Später entdeckte ich allerdings eine weitere Eigenart. Mir viel auf, dass ich mich in der Öffentlichkeit auch entspannt fühlte, wenn meine Kleidung androgyn war. Soll heißen „geschlechtsneutral“ oder vielleicht an die Homosexualität erinnernd. Diese Reaktion fand ich seltsam. Ich dachte, vielleicht habe ich Angst davor maskulin zu sein, weil ich mich vor Auseinandersetzungen mit anderen Männern fürchte. (Heute weiß ich: Männer entscheiden nicht anhand von Maskulinität ob jemand Rivale ist, sondern anhand von Gestik, Mimik und Körperhaltung. Doch damals war es ein wichtiges Puzzleteil.)
Meine Hypothese war also, dass ich Angst vor Gewalt hatte. Die hat in meiner Vergangenheit durchaus eine Rolle gespielt. Wenn ich also weiblich wirkte, entging ich dieser gefühlten Androhung von Gewalt. Ich kannte schließlich nur Gewalt unter Männern, nicht die Gewalt, wie sie auch Frauen erleben. Man kann Angst vor einem Flugzeugabsturz haben, aber keine Angst vor einem Blitzeinschlag, obwohl beides gleich wahrscheinlich ist. Das würde erklären, warum meine Psyche sich zu Frauenkleidung hingezogen fühlt. Dadurch habe ich die Transidentität zum ersten Mal mit Trauma in Verbindung gebracht.
Ich wusste vorher, dass traumatische Erlebnisse meine Psyche beeinflussten. Aber das Bedürfnis eine Frau zu sein? Warum sollte das die Folge eines Traumas sein? Wenn aber die Handlungen, die mit einer Transidentität einhergehen, die Symptome des Traumas lindern, dann konnte ich mir einen Zusammenhang vorstellen.
Die Scham, ein Mann zu sein
Also ging ich weiter auf die Suche. In einem Podcast (Overcoming Autogynephilia | with Andrius von Benjamin A Boyce) hörte ich von einem Mann, dessen AGP nach dem Lesen zweier Bücher verschwand. Einmal „Leadership and Self-Deception“ vom Arbinger Institute und „Male Sexuality – Why Women Don’t Understand it and Men Don’t Either“ von Dr. Michael Bader. Natürlich las ich sie und – weit weniger natürlich –, hatten sie denselben Effekt auf mich. Es dauerte einige Wochen, bis ich die Inhalte verdaut hatte, doch mein Bedürfnis mich weiblich zu kleiden verschwand.
Was ist drin in diesen Büchern? Vorneweg: In Dr. Michael Bader’s Buch geht es nicht um Transidentitäten. Soweit ich mich erinnere, werden sie nirgends erwähnt. Dr. Bader argumentiert stattdessen, dass heterosexuelle Männer gar nicht so abgestumpft und selbstsüchtig sind, wie sie auf Frauen wirken. Zumindest nicht im Bett. Vielmehr ist die Sexualität und das Konzept der Maskulinität für viele Männer so schambehaftet, dass sie in romantischen Beziehungen nicht „sie selbst“ sein können.
Der Hintergrund ist die Beziehung zur Mutter. In der Kindheit haben Jungs und Mädchen eine gleichwertig innige Beziehung zur Mutter. Beide wollen, dass es der Mutter gut geht und ihr keinen Kummer bereiten. Diese Bindung ist stark und wichtig. Doch irgendwann droht, die sich entwickelnde Sexualität der Jungen, diese Bindung zu gefährden. Emotional gesunde Mütter unterstützen die Entwicklung der Jungen und versichern ihnen, dass die neuen Interessen der Beziehung mit ihr nicht im Weg stehen. Mütter, die aus ihrer eigenen Vergangenheit mit emotionalen Konflikten kämpfen, reagieren auf diese Entwicklung dagegen negativ. Die entstehende Dynamik ist komplex, aber im Resultat werden manche Jungen ihre Maskulinität und Sexualität unterdrücken, um die Beziehung mit ihrer Mutter nicht zu verlieren.
Ein frei übersetztes Zitat aus dem Buch:
„Ein Patient, den ich behandelte, befürchtete in seiner Jugend, dass seine Mutter noch depressiver werden würde, als sie schon war, wenn er als zu traditioneller Junge aufwachsen würde. Als er in die Pubertät kam, gab er jeglichen sportlichen Wettkampf auf und wurde extrem schüchtern und zurückgezogen was Mädchen anging. Ein anderer Patient mit ähnlicher Scham bezüglich seiner Maskulinität entwickelte in seiner Kindheit eine Gefühlsirritation um seinen Penis herum. Er fühlte diese chronischen Symptome ohne jede physische Erklärbarkeit. Er fand nur Erleichterung, wenn er seinen Penis teilweise zurück in den Leistenkanal schob, wo es sich für ihn behaglich und sicher anfühlte. In beiden Fällen entwickelten die Jungen ihre Symptome als Resultat eines pathogenen Schuldgefühls die Mutter mit ihrer phallischen Maskulinität zu verletzen. Mütter tragen zu diesen Schwierigkeiten oft in mehreren Hinsichten bei. Tatsächlich mag es der Fall sein, dass sie Neid und Groll empfinden, wenn ihre Söhne erwachsen werden. Denn das heißt, die Söhne verlassen den Einflussbereich der Mutter und empfinden neue Lebensfreuden, von denen sich die Mutter ausgeschlossen fühlen kann. (…) Außerdem mag es wirklich so sein, dass viele Mütter nicht glücklich mit ihrer Rolle im Leben sind. Es wäre ganz natürlich, dass ihre Söhne unter diesen Voraussetzungen Schuldgefühle entwickeln, wenn sie währenddessen den Prozess der Trennung, Selbstständigkeit und den der sich entwickelnden Maskulinität durchlaufen.“
Schon nach wenigen Seiten dieses Buches ging mir ein Licht auf. Da meine Mutter noch lebt, werde ich über meine Beziehung mit ihr nicht schreiben*. (*Der Artikel wurde vor meinen TikToks geschrieben.) Doch die Inhalte des Buches waren höchst relevant für mein Verständnis von mir selbst. Hier möchte ich außerdem klar sagen: „Mütter“ haben keine Schuld an der Misere. Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein.
1) Jedes Kind, das unter seinen Eltern gelitten hat, hat ein Recht darauf seine Gefühle frei zu äußern. Das kann Schuldzuweisungen beinhalten. Schuldzuweisungen können therapeutisch wirken, wenn sie lange unterdrückt wurden. Genauso mag es unentschuldbare Dinge geben.
2) „Eltern“ als kollektiv haben keine Schuld an dem Leid ihrer Kinder. Jeder Mensch und jede Generation versucht das bestmögliche Leben für sich zu gestalten. Wo Anderen weh getan wird, wird sich immer selbst weh getan. Und wo Anderen weh getan wird, wurde einem immer zuerst selbst weh getan.
Kindheit
Zurück zur Geschichte: Als ich verstanden hatte, dass ich vermutlich durch eine Familiendynamik meine Maskulinität geopfert hatte, entstand eine Trotzreaktion. Jetzt wollte ich keine Frau mehr werden, sondern meine Männlichkeit zurück. Das ging natürlich nicht mit Willenskraft. Mit Willenskraft hatte ich mein ganzes Leben versucht ein „normaler Mann“ zu sein. Diesmal musste eine echte Veränderung her. Da kam auch schon das zweite Buch ins Spiel, „Leadership and Self-Deception“.
Dieses Buch ist ein fiktiver Dialog zwischen Führungskräften. Es geht darum, wie man die eigenen „Leadership Skills“ verbessert. Die Antwort ist der Kern des Buches und lautet: durch mehr Empathie. Gute Chefs betrachten die Welt stets durch die Augen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn Kritik geäußert wird, dann immer so, wie sie anderen Menschen hilft – nicht, wie man sie selbst loswerden möchte. „Getting out of the box“ ist der Ausdruck für diese Formel und zweiter Titel des Buches. Es beschreibt den Akt „aus sich selbst herauszukommen“ und sich in Andere hineinzuversetzen.
Das Buch war wirkungsvoll für mich, weil es keine Wohlfühl-Atmosphäre verbreiten will. Es ist ein Buch für Geschäftsleute. Ich glaube, vor allem dieses Framing hat mich dazu gebracht, gewohnheitsmäßig die Perspektiven meiner Mitmenschen einzunehmen. Diese Übung war tatsächlich ungewohnt für mich bis dahin.
Und hier kommt die Erklärung, warum mir das bei der Entwicklung meiner Maskulinität geholfen hat. Dafür müssen wir einen Abstecher in die Entwicklungspsychologie machen. Wenn Kinder mit distanzierten, unberechenbaren, übermäßig kritischen oder emotional unreifen Eltern aufwachsen, entwickeln sie keine gesunde Bindungsfähigkeit. In solchen Familien herrscht einerseits häufige, intensive Emotionalität, mit der Kinder nicht umgehen können (Streit, Drohungen, Bestrafungen). Andererseits findet keine gefühlvolle Anteilnahme an den Erlebnissen der Kinder statt, wo sie nötig wäre (Abwesenheit, Desinteresse, Zeitmangel). Was Kinder dadurch unbewusst lernen, ist dass sie sich zur Befriedigung eigener Bedürfnisse nicht auf das Mitgefühl Anderer verlassen dürfen. Wenn diese Erlebnisse langjährig und wiederholt stattfinden, stockt die Entwicklung wichtiger neuronaler Netze rund um den Aspekt der Empathie. Einen wichtigen Beitrag zu dem Verständnis dieser Themen bieten unter anderem diese Bücher:
Alice Miller – Das Drama des begabten Kindes
Elan Golomb – Trapped in the Mirror (keine deutsche Übersetzung vorhanden)
Alexander Lowen – Narzissmus, die Verleugnung des wahren Selbst
Pete Walker – Posttraumatische Belastungsstörung, von Überleben zu neuem Leben
Damit dieser Artikel in sich schlüssig ist, fasse ich ein paar relevante Punkte zusammen:
Wir Menschen – vor allem Kinder – sind zur vollständigen und gesunden emotionalen Regulation auf andere Menschen angewiesen. Hat jemand Angst, wird er oder sie in den Arm genommen. Ist jemand traurig, bekommt er eine Schulter zum Ausweinen. Verspürt jemand Wut, darf sie an Objekten ausgelassen werden, und Mitmenschen bezeugen die geschehene Ungerechtigkeit. Dieser universell menschliche Gefühlsausdruck hat einen beruhigenden Effekt auf den Körper, wenn er unbelastet erlebt werden darf. Die wenigsten von uns wachsen aber mit einem unbeschwerten Verhältnis zu unseren Gefühlen auf. Die Kultur und elterliche Autorität pflanzt in uns das ein, was Psychoanalytiker eine „Introjektion“ nennen. Das ist die innere Stimme, die uns sagt, dass unser Verhalten nicht in Ordnung ist.
„Weinen tun nur Mädchen.“
„Wütend sein ist schlecht.“
„Angst brauchst du doch gar nicht haben.“
Wenn Eltern also aufgrund der eigenen Kindheit keinen gesunden Zugang zu ihren Gefühlen haben, können sie auch ihren Kindern keinen beibringen. Erwachsene haben allerdings Strategien, mit unbewältigten Gefühlen umzugehen. Sie können Alkohol trinken, Sport machen, Sex haben, Drogen nehmen, sich in die Arbeit stürzen und noch vieles mehr. Kinder dagegen können nichts davon tun. Kinder sind gefangen in ihrem kleinen Körper, mit ihrem unterentwickelten Gehirn, und den überwältigenden Gefühlen, die sie nicht ausdrücken dürfen. Um Körper und Psyche vor einem Zusammenbruch zu schützen, geschieht nun eine Abspaltung. Die Kinder schalten sich in Teilen sprichwörtlich ab. Durch Tagträumerei, Lesen oder Computerspielen in exzessivem Maße zum Beispiel. Was Eltern als Faulheit oder mangelnden Antrieb interpretieren, ist eine Strategie, um Körpergefühlen zu entfliehen. Eine Dissoziation. Ähnlich können Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsstörungen das Resultat sein. Das sind die beobachtbaren Symptome eines Gehirns, das verzweifelt versucht, sich mit Reizen von innerem Schmerz abzulenken. Die Hyperaktivität (Zappeln, Wippen) ist zusätzlich der Versuch angestaute Energien loszuwerden, die das überreizte Nervensystem im ständigen Kampf&Flucht-Modus mobilisiert.
Außerdem versuchen Kinder in Konfliktsituationen oft den Atem anzuhalten und die Muskulatur anzuspannen, um einen Tränen- oder Wutausbruch zu verhindern. Diese Verspannungen werden im Laufe der Jahre chronisch und setzen die Empfindlichkeit des Körpers herab. Zentraler Aspekt all dieser Strategien ist der Versuch, nicht zu fühlen.
Nun dürfen solche Kinder negative Gefühle schon nicht ausdrücken, um sich Erleichterung zu verschaffen. Dann kommt noch erschwerend hinzu, dass positive Gefühle in konfliktreichen Familien zusätzlich Mangelware sind. Wenn gute Gefühle durch eine wohlwollende Einstellung von Bezugspersonen nicht erreichbar sind, stützt sich das Kind auf verfügbaren Quellen, wie zum Beispiel Essen.
Diese gelernten Strategien bleiben dem Menschen bis ins Erwachsenenalter. Aus Essen wird vielleicht Alkohol, Extremsport oder ein Machtstreben, aber ein tragischer roter Faden zieht sich immer durchs Leben: Gefühle wollen durch etwas bewältigt, beseitigt, oder positiv ausgelöst werden, das nicht von dem Wohlwollen Anderer abhängt. Substanzen, Prozesse und Dominanz zum Beispiel fühlen sich sicher an. Allen ist gemein, dass sie keine Verletzlichkeit entstehen lassen und nicht von empathischen Reaktionen abhängen. Man kann sich diese Gefühle „nehmen“ – durch Kraftaufwand oder Manipulation.
In so einem Leben werden andere Menschen nur als Rolle gesehen, die sie auf dem Weg zu dieser Gefühlsbewältigung spielen. Ein Partner wird weniger als eigenständiger Mensch gesehen und mehr als Quelle für Sex, Schutz oder Wärme. Mitarbeiter werden in Unterstützer und Rivalen eingeteilt, nicht als Kollegen gesehen. Ohne, dass sich Betroffene davon bewusst sind, bewerten sie ihre Mitmenschen allein nach ihrem Nutzen. Diese nüchterne Ansicht ist uns in der westlichen Welt zwar geläufig, aber das Resultat ist ein Leben von innerer Leere, in dem die Depression ständig lauert.
Empathie und Spiegelung
Wenn ein Kind lernt, dass Empathie zur Erfüllung der eigener Bedürfnisse nicht geeignet ist, wird es auch nicht lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Es klingt womöglich befremdlich, aber allein das Ausbleiben einer empathischen Reaktion auf menschliche Bedürfnisse schädigt die Entwicklung der Psyche, wenn es wiederholt in jungen Jahren geschieht. Reagieren Bezugspersonen mit Kälte auf die Hilflosigkeit eines Kindes, das Hilfe erwarten muss, weil es allein nicht überlebens- und entwicklungsfähig ist, entsteht Schaden. „Der Realitätssinn des Kindes wird verwirrt“, schreibt der Arzt und Psychologe Alexander Lowen, wenn Eltern nicht mit Schutzhandlungen auf die Hilflosigkeit eines Kindes reagieren. Der innere Kompass des Kindes orientiert sich im Laufe der Entwicklung dann nicht mehr am Empfinden anderer Menschen, sondern nur noch an Angst vor Strafe und Aussicht auf Belohnung. Man könnte meinen jeder komplexe Organismus ist so aufgebaut, doch das stimmt nicht. Gesunde Menschen agieren und reagieren maßgeblich in Einklang mit ihren Empathiegefühlen – nicht allein aus Angst oder Eigennutzen.
Zurück zu dem, was das Buch „Leadership & Self-Deception“ in mir ausgelöst hat: Es hat mich dazu gebracht, gewohnheitsmäßig die Perspektive anderer Menschen einzunehmen. Ich glaube, damit hat das Buch die Heilung einer Entwicklungsstörung angestoßen. Nachdem ich den Inhalt verdaut hatte, ging ich täglich durch die Straßen und fragte mich: „Was sieht, denkt und fühlt dieser Mensch wohl gerade?“ Es wurde zur Gewohnheit und ich begann Menschen in einem anderem Licht zu sehen. Die grummelige Frau an der Supermarktkasse war nun kein Hindernis mehr auf meinem Weg zum Abendbrot. Stattdessen stellte ich mir vor, dass sie wahrscheinlich schon drei Kinder großgezogen hatte und jetzt am Samstagabend für den Mindestlohn arbeiten muss. Dabei entstehen ganz andere Gefühle als bei der Vorstellung, dass ihre Laune ein persönlicher Angriff auf mich ist.
Wenn ich selbst lese, was ich schreibe, ist es mir unangenehm. Es outet mich natürlich für das, was ich war. Zynisch könnte man sagen, dass ich Ende Dreißig auf die Idee gekommen bin, nicht allein auf der Welt zu sein. Jedoch habe ich nie eine Entscheidung getroffen, zu sein, wie ich war. Einige Wochen später stand eine attraktive Frau vor mir. Ich fragte mich: „Wenn ich diese Frau wäre, was fände ich dann attraktiv?“ In meinen AGP-Fantasien war ich bis vor wenigen Wochen schließlich selbst die Frau gewesen, und wusste genau, was ich da attraktiv fand. Und so begann mein Gehirn zu rattern: „Könnte es sein … könnte es sein … dass wenn ich jetzt diese Frau wäre … und diesen Typen – mich – da stehen sehen würde … könnte es sein, … dass ich ihn attraktiv finden würde? Einen Mann … mit Penis … und Beinbehaarung? Mich?“
So komisch es sein mag, das war es, was es gebraucht hat. Das Erlebnis, zu fühlen, dass ich als Mann attraktiv sein könnte. Und schon war jeglicher Wunsch nach Weiblichkeit oder Frauenkleidung vergangen. Der entscheidende Unterschied war das Gefühl. Ein Gefühl, dass nur durch empathische Verbindung entstehen konnte. Das war nötig die Scham zu besiegen, die ich seit meiner Kindheit im Inneren fühlte. Komplimente von außen, oder ein Blick in den Spiegel konnten nie ein Gefühl vermitteln. Jeder Input von außen wurde durch Scham und Schuldgefühl gefiltert, ohne, dass ich mir dessen je bewusst gewesen wäre.
Man kennt das Phänomen vielleicht von magersüchtigen Frauen. So unwahrscheinlich es erscheinen mag, können diese Frauen im Spiegel nicht sehen, wie dünn sie sind. Auch Worte bleiben wirkungslos. So war es auch mit meiner unbewussten Einstellung zur Männlichkeit. Angefangen hat es mit der Familie, und für den Rest sorgte die Medienlandschaft. Ich kann mich an viele Beispiele aus meiner Jugend erinnern, in denen die männliche Sexualität als primitiv oder böse dargestellt wurde. Genauso war es nicht ungewöhnlich, sich über den Penis des Mannes lustig zu machen, oder ihn als abstoßend zu bewerten. Diese Feststellungen sollen die Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen nicht relativieren. Männer und Frauen werden gleichermaßen für ihre Sexualität beschämt, nur auf
unterschiedliche Art.
Ich glaube, dass es vor allem sensible Menschen sind, die stark auf solche Einflüsse reagieren. Aber an keinem Menschen werden sie spurlos vorbei gehen. Nun hatte ich also endlich eine Basis für ein gesundes Selbstwertgefühl als Mann. Ich mag konkrete Stellen meines Körpers als nicht besonders sexy bewerten. Jedoch habe ich ein Gefühl dafür, dass es irgendwo eine Frau geben wird, die mich anziehend findet. So wie auch ich Frauen anziehend finde, die nicht aus dem Cover eines Lifestyle-Magazins geschnitten sind.
Der innere Kritiker
Es gibt noch einen letzten Punkt, der für meinen Heilungsprozess wichtig war. Auch im oben erwähnten Podcast spielt er eine Rolle: nämlich Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Klingt nach Hippie-Zeugs und ist am Anfang schwer, aber es ist so wichtig wie gute Ernährung und ausreichen Wasser.
Eigenartig in meiner AGP-Situation war, dass mir Selbstliebe am Anfang nur in weiblicher Rolle möglich war. Ich konnte mich wunderbar akzeptieren und vor allem auch Trauer ausdrücken, solange ich mich als feminin betrachtete. (Diese Fähigkeit zu weinen war essenziell für meine Selbstheilung, weil sie Anspannung abbaut.) Das führte dann zu Momenten, in denen ich dachte: „Ich fühle mich jetzt so gut, ich gehe heute in meiner alten Rolle als Mann aus dem Haus. Das erspart mir die Blicke und ist unkompliziert.“ Dann lebte ich diese Rolle für ein paar Wochen, doch merkte, dass meine Stimmung kontinuierlich schlechter wurde. Die Anspannung in mir stieg wieder, und ich konnte nicht trauern. Genauso trieben mich meine Gedanken wieder zu Leistung und unrealistischen Projekten an. Unbewusst fühlte ich mich gezwungen etwas zu erreichen, das mir einen Selbstwert oder Sicherheit verschaffen würde. Ich durchschaute es nicht, aber mir war keine Selbstakzeptanz als Mann möglich.
Erst nach langer Zeit konnte ich gleichzeitig eine Identität als Mann, die Kapazität zu trauern, und Selbstakzeptanz unter einen Hut bringen. Den Büchern ist es zu danken. Im Nachhinein vermute ich, dass die weibliche Rolle mir zusätzlich eine Abschottung vom „inneren Kritiker“ ermöglicht hat. Der innere Kritiker ist ein Konzept, das viele Psychologen verwenden. Es deckt sich
größtenteils mit dem Begriff der Introjektion und beschreibt die Stimme, die täglich mit uns redet. Sie macht uns Vorwürfe, wenn wir zu spät kommen, etwas fallen lassen, oder ein dummes Kommentar von uns geben. Der innere Kritiker ist aber auch nonverbal aktiv. Manchmal implodiert eine gute Laune innerhalb von Sekunden, manchmal ist es wie tausend kleine Nadelstiche. In meiner femininen Rolle war dieser Kritiker kaum aktiv. Das erhöhte das Lebensgefühl „als Frau“ und setzte mein Lebensgefühl als Mann herab. Dadurch kam immer wieder die Vorstellung auf, im falschen Geschlecht geboren zu sein.
Ich glaube auch, dass andere unbewusste Vorstellungen den Wunsch nach körperlicher Veränderung hin zur Weiblichkeit vorangetrieben haben. Ich bemerkte zum Beispiel, dass das Entfernen des Bartes beim ersten Mal große Euphorie auslöste. Beim zweiten Mal dagegen war ich weit weniger begeistert, obwohl das Resultat das Gleiche war. Ich glaube, da war das am Werk, was Pete Walker eine „Erlösungsphantasie“ nennt – die Vorstellung, dass das Erreichen eines Ziels alle persönlichen Probleme löst. Wenn ich glaubte, dass das Frau-Sein mir einen unbeschwerten Gefühlszustand ermöglichen würde, wäre es verständlich, dass alle Schritte auf diesem Weg mit positiven Emotionen einhergehen. So funktioniert unser psychisches Belohnungssystem. Doch wenn die Grundstruktur meine Psyche unverändert bliebe, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sich der innere Kritiker auch in meiner weiblichen Welt breit macht. Letztlich ist er legitimer Teil der Psyche, der unser Verhalten reguliert. Er soll uns vor Ausgrenzung schützen. Nur wenn er außer Kontrolle gerät, richtet er Schaden an und macht uns das Leben schwer. Die Lösung musste also sein, sich mit dem inneren Kritiker als Mann auseinanderzusetzen, nicht die Rolle als Mann abzulegen.
Mit dieser Arbeit bin ich noch nicht fertig, aber es gelingt stetig besser.
Und so kam ich zu meinem heutigen, ziemlich zufriedenen männlichen Ich. Das Wissen um all diese verschiedenen Teile der menschlichen Psyche – von AGP bis innerer Kritiker – waren essenziell dafür.
Um den Prozess, der bei mir stattgefunden hat, noch einmal in wenigen Worten zusammenzufassen:
Trauma → Realitätsverzerrung
Realitätsverzerrung → AGP
AGP → Euphorie
Euphorie → Erlösungsfantasie
Erlösungsfantasie → Transidentität
Ich möchte betonen, dass dies eine persönliche Erfahrung ist. Sie soll in keiner Weise die Legitimität transidenter und queerer Menschen angreifen.